Dies ist die Kiste für diverse Polemiken, Diksussionsbeiträge und sonstwie Aufbegehrliches.


Konfuzius, der vor 2500 Jahren gelebt hat, - gibt unserer Regierung folgende Ratschläge:

„Das Wichtigste beim Regieren ist Sparsamkeit.“
„Beim Regieren ist wichtig, die Beamten am Zügel zu halten.“
„Der Herrscher – der ist wie ein Schiff; das Volk – es ist wie das Wasser; das Wasser trägt das Schiff, doch es kann es auch zum Kentern bringen.“
„Wenn die Worten nicht den Tatsachen entsprechen, dann wird die Regierung in ihrem Tun keinen Erfolg haben.“
„Was Bildung angeht, da darf es keine Klassenunterschiede geben.“
„Lernen ohne zu denken, das führt zu nichts; denken ohne zu lernen, das macht lediglich müde.“


Inhalt:

Bundespräsidentenwahl - Aufatmen, ich habe meine Absicht geändert und wandere (noch) nicht aus.


"Burka - Nigab - Kopftuch: Kommunikation im missverstandenen, unverstandenen öffentlichen Raum" (15. Juli 2014) und der Auslöser des Nachfragens: "Land der schlechten Gastgeber"
"Gendergerechte Schreibweise" - Die Sorgen möcht ich haben!  (10. Juli 2014)
"Lehrerbashing ist politisch motiviert."             (Nov. 2013)
Professor Spitzers Kampf gegen die Wind(ows)mühlen  (2012/10) (siehe ganz unten)
Was hat Heinz Conrads mit der Burka zu tun? (2011/7)  
(siehe unten)
Bad Practice - Best Practice?  (2004/5)
Sharing Management Knowledge. / Wissensproduktion in Japan nach I. Nonaka (2003/4)
Systems Thinking  (2003)
Communities of Practice 1/2 (2006 / 2011)

Ich füge hier ein kurzes Doc ein, in dem es "bildlich" um Klimaschutz, Energieverschwendung in Japan geht. Eigentlich wollte ich eine Diashow mit an die hundert Fotos machen, weil Bilder oft mehr sagen als noch so viele Worte, aber da ist dann die Datenmenge doch etwas zu groß für dieses Medium hier.  ( Dezember 2010)  Aktueller denn je! (Mai 2011) 

"Lehrerbashing ist politisch motiviert"  (21.11.2013 Der Standard)
freedom call 23.11.2013, 14:10                                           (Postings – 2 von 384)
Wenn der Lehrerberuf so attraktiv ist (aufgrund der zahlreichen Neidbekundungen ist dies anzunehmen), warum werdets dann nicht einfach auch LeherIn?
Evtl weil die Realität im Klassenzimmer/Konferenzzimmer eine gaaanz andere ist, wie ihr in eurer kindisch-polemischer Art und Weise kundtut?
20 zu HALTENDE Stunden + durchschnittlich 5 "Freistunden" zwischen den zu HALTENDEN Stunden + ca. 3 Supplierstunden + Sprechstunde + ca. 3 Stunden für Klassenvorstandsarbeiten + ca. 10 Stunden Vorbereitungszeit, ca. 10 Stunden für Tests, Schularbeiten, Hausaufgaben, Exkursionsplanungen, Workshops etc
--> macht .... Wer hat in den Mathe-Stunden brav aufgepasst? ;)
... ca. 52 WOCHENSTUNDEN
smid  
Während ich mich sehr wohl frage, wie Bezahlung, Arbeitszeit und unsere Erwartungshaltung an Ärzten im Verhältnis stehen, würde mir aber nicht einfallen Ärztebashing zu betreiben, weil ich mit dem einen oder anderen vielleicht nicht so zufrieden bin. Ich habe Freunde mit Ius, Medizin und Technikstudien und ich keiner von ihnen hat das Gefühl ich hätte viel Freizeit gehabt, als ich noch unerrichtet habe.
Jeder erwartet eine gewisse Wertschätzung seinem/ihrem Beruf, dem Arbeitsaufwand etc gegenüber und wünscht sich faire Entlohung.
Als Lehrer hat man eine Reihe von Berufen (wohl auch als Arzt).Ausgebildet ist man dafür nicht(Psychologe, Verhaltenstherapeut, Sozialarbeiter, Animateur, Familienberater, Sonderpädagoge, Projektmanager, etc)
 
 
(kopiert, ohne Korrekturen!)
 
 
Es ist mir nicht ganz klar, worum es den Leuten wirklich geht, die da im Standard und in der Presse so fleißig posten.
·        Klar ist mir, dass die eigene „Identität“, das Bild, das man von sich hat, sehr eng verknüpft ist (mag sein – zu eng) mit dem Beruf, den man ausübt, mit der Stellung in der Gesellschaft, mit Anerkennung und Zugehörigkeiten. Wenn also an diesem „Bild“ gekratzt wird, wenn man mit „Gesichtsverlust“ bedroht ist, tut das weh und man wehrt und verteidigt sich, bisweilen mit nicht ganz geeigneten Mitteln.
·        Ich verstehe auch den Titel nicht. Dass Stellungnahmen, Äußerungen im öffentlichen Raum „politisch motiviert“ sind, leuchtet mir ein, denn „politisch“ heißt doch, sich mit Anderen, mit deren Ansprüchen und Zusprüchen auseinanderzusetzen. Warum das nicht in Ordnung sein soll, weiß ich nicht. Die Frage ist wohl eher: Sind Äußerungen sachliche Argumente oder Polemik, wobei man dann noch mit besseren Argumenten darüber streiten kann, was „Sache“ ist.
Zum Argument des ersten Postings, dass Lehrkräfte viel mehr und länger arbeiten, als von „unwissenden Kritikern“ angenommen, kann man natürlich eine Gegenrechnung aufstellen, aber man wird damit nicht viel weiterkommen, weil so ein verallgemeinerndes Vorrechnen immer mit den tatsächlichen, lokalen, individuellen etc. „Realitäten“ (und notgedrungen immer selektiven Wahrnehmungen) in Frage gestellt werden kann.
·        Was mir aber beim Lesen dieser Argumentation in den Sinn kommt bzw. was mich wundert, ist Folgendes: Ins Treffen geführt wird die Notwendigkeit, viele Tests, Schularbeiten, Hausaufgaben zu korrigieren, weil die dahinter stehende, nicht ausgesprochene Notwendigkeit außer Zweifel steht, dass beurteilt, gemessen, benotet, belobigt, getadelt werden muss, und zwar von der Lehrerautorität. Abgesehen davon, dass derartige Überprüfungen und Benotungen eigentlich in erster Linie die Arbeit der Lehrkraft, die Qualität des Unterrichts beurteilt und daher eher als Feedback für die Lehrkraft dienlich sein kann, stelle ich mir schon die Frage, ob hinter dieser (vorgeschobenen) Notwendigkeit nicht ein längst überholtes, falsches Didaktikkonzept steckt: Es muss überwacht, geprüft, beurteilt und gemessen werden, weil daran geöffnete und verschlossene Tore auf dem Bildungsweg der davon abhängigen Lernenden geknüpft sind. In zeitgemäßen Methoden des Wissenserwerbs spielen „Test“ und dergleichen eine nebensächliche Rolle und Hausaufgaben-Geben zeugt von der Unfähigkeit der Lehrkraft, Lern- und Festigungsprozesse im Unterricht selbst zu inszenieren. Aber genau dafür, für einen zeitgemäßen Unterricht müssten die LehrerInnen die Schule als (wesentlichen kindlichen) Lebensraum begreifen und den Unterricht nicht zum Präsentieren ihrer „Wissensübermacht“ missbrauchen, - sie müssten selbst in der Schule „leben“, mit den Kindern leben und sich dafür Zeit nehmen.
Kindergarten und Schule sind Orte der „Sozialisierung“ und Sozialisierung ist „Disziplinierung“, aber nicht an erster Stelle, denn an dieser Stelle steht – wie von allen Seiten immer wieder (zu recht?) gepredigt wird „Entfaltung“.
Ein Nachdenken über die Sinnhaftigkeit von gesetzlich vorgeschriebenen Stunden-Lehrverpflichtungszahlen könnte dazu führen, Schule und deren Funktion etwas anders zu sehen und „gesetzlich“ zu definieren. (Wer das Schulunterrichts- / Organisationsgesetz studiert hat, wird mir zustimmen, dass dieses komplett überarbeitet werden muss.)
·        Im zweiten Posting wird diese (andere) Notwendigkeit auch angesprochen: Lehrkräfte müssen „Allrounder“ sein. Aber woher diese Fähigkeiten, Kenntnisse, Eigenschaften und „Kompetenzen“ nehmen? An den Unis lernt und erwirbt man sie mit Sicherheit nicht, behaupte ich nicht ohne Grund! An den PädAk’s wenn man Glück hat nur zu einem sehr geringen Teil, wie auch Kindergärtnerinnen ihr berufliches Handwerkszeug nicht oder fast nicht an den BAKIP’s bekommen, sondern durch Selbst-Aneignung im Berufsleben. Da stehen sie, wie die LehrerInnen dann da, auf sich alleingestellt und machen es dann halt so recht und schlecht, wollen dazulernen und (was bei den MS Lehrkräften eher selten vorkommt) voneinander lernen oder auch nicht. Zugegeben, das sind unzulässige Verallgemeinerungen, aber durchaus begründbar und mit eigenen Erfahrungen untermauerbar.
·        Es ist mir klar, dass meine Anmerkungen zur Diskussion über das Lehrerdienstrecht unnütz sind, denn derlei Äußerungen sind zwar „politisch“ gemeint, haben aber keinerlei politische Wirkung.
Johann Ortner,  24. 11. 2013

"Bad Practice - Best Practice ?"

Bei diesen Texten handelt es sich um Einwürfe gegen Unsitten im Umgang mit Begriffen und Theorien in der "Wissensmanagement-Community".
Zum Theme "Wissensmanagement" bin ich durch Zufall, besser "Schicksalsschlag" gekommen. Nach dem Ende meines Russlandintermezzos - wo ich WM in Praxis exerziert habe, ohne davon zu wissen - habe ich in einer Softwarefirma gearbeitet und die war super, toll, kreativ, innovativ und visionär, weshalb sich die verantwortlichen Köpfe der Firma auf den zu dieser Zeit grassierenden Hype "Knowledge Management" angehängt haben, was durchaus Sinn hatte. Also da hab ich mich gegen Entgelt mit dem Thema beschäftigt, meist mit viel Bauchweh aber oft auch mit Spaß und Engagement. 
Best-Bad Practice

"Sharing Management Knowledge"

Der Text ist entstanden auf Einladung von bekannten Professorenkollegen (richtige Uni Professoren natürlich), gemeinsam mit meinem amerikanischen Freund R. Nelson unsere Ansichten und Erfahrung in Russland, Amerika und Japan im Journal der American Management Executives zum Besten zu geben. Die haben den Text dann aber nicht genommen, weil er zu lang war und nicht zum "wissenschaftlichen" Stil des Magazins passte. Er stand dann längere Zeit auf der Plattform "pwm".  Also hier ist er. (Ich halte ihn auch heute noch für nicht so schlecht und daher durchaus lesenwert! Ein wichtiter Punkt darin ist meine Kritik an der Managementtheorie Nonaka's - Japan.)  Sharing

Ausgangspunkt für diesen Text war die Auseinandersetzung mit dem Managementkonzept von Ikujiro Nonaka, das von den Wissensmanagern gern und oft zitiert wird. Hier also die deutsche Version meiner Kritik.
Nonaka



"Comments on Systems Thinking"

Ich habe mich, wie so viele andere KollegInnen auch, in einigen EU Projekten stark gemacht, weil da zwar nicht direkt für mich aber doch für die Betreiber Geld zu holen war. Es war jedesmal ein Frust und meist ist auch nichts Brauchbares dabei herausgekommen. Allerdings haben wir viel diskutiert, Pläne geschmiedet und ich denke auch etwas dabei gelernt. Hier ist so ein Dikussionbeitrag, freilich längst überholt oder auch nicht......   Systems


Was sind Communities of Pracitce? Was sind CoP's nicht?

Dieser Diskussionsbeitrag entstand nach mehreren Diskussionsrunden mit Unternehmensberatern, in denen es damals - und heute wieder - um Mobilisierung von "social potentials" im Dienste der Profitmaximierung von Unternehmen ging. Wenn mich etwas ärgert, dann motiviert mich das ungemein, meinen Unmut schriftlich abzureagieren. Hier der Diskussionsbeitrag. CoP

Weil dieses Thema gerade wieder aktuell zu sein scheint, hier nochmal mein Versuch einer Abgrenzung (Mai 2011).

Kommentar zu
Jane Lave / Etienne Wenger:
Situated Learning / Legitmate Periferal Participation /
Communities of Practice
Unter allen Buchbesprechungen und Kommentaren zum Buch von Lave / Wenger habe ich nur eine gefunden, die nicht vor Unverständnis und Missverständnissen strotzt, und das ist die sehr kurze, aber prägnante Zusammenfassung von Anke Grotlüschen  (Link zu diesem Text).
Als Ergänzung zu dieser Kurzdarstellung möchte ich die wichtigsten Punkte der Arbeit von Lave und Wenger mit eigenen Kommentaren verständlicher machen. So weit mir bekannt ist, hat die Hauptarbeit zu diesem Buch die Soziologin Jane Lave geleistet, was in den Vorträgen und Seminaren von Etienne Wenger nicht zum Ausdruck kommt.
1.      Das Buch ist ein Forschungsbericht, die Darstellung einer Untersuchung, einer Analyse ganz bestimmter sozialer Phänomene und keine Beschreibung eines Tools mit Anleitungen zur Implementierung zum Zwecke der Förderung von Lernprozessen in kommerziellen und nichtkommerziellen Organisationen. (Dazu haben Dierkes et. al. In „Handbook of Organizational Learning. Oxford University Press, 2001/03 umfassende Studien veröffentlicht.) Dass Etienne Wenger daraus ein praktikables Instrument ableiten und zu vermarkten versucht, ist verständlich, denn man muss ja irgendwie sein „täglich Brot“ verdienen, aber mit der Intention des Forschungsberichts und den Ergebnissen hat das nichts zu tun und scheint bei genauerer Lektüre des Buches äußerst problematisch. Warum dies so ist, lässt sich aus der Definition des Forschungsgegenstands ableiten.
2.      Was Menschen in Praxisgemeinschaften zusammenführt, was sie verbindet sind berufliche oder private Tätigkeiten, so die Autoren. Im Fokus der Untersuchung stehen Praxisgemeinschaften und die sozialen Prozesse in diesen Gemeinschaften, also nicht Lerngemeinschaften an sich. Aus der Sicht der Mitglieder ist die gemeinsame Beschäftigung mit einem Thema das vordergründige Motiv für ihre Zusammenkünfte. Aus der Sicht der analysierenden Beobachter zeigt sich allerdings, dass nicht die praktischen Angelegenheiten, die Themen zentral sind und die Mitglieder zu gemeinsamen Aktivitäten motivieren, sondern die Zugehörigkeit selbst, - das Ringen um Anerkennung durch Seinesgleichen, um Positionen in der Gemeinschaft, um Themenführerschaft und Einfluss innerhalb der Gruppe, um Selbstdarstellung und Identität. Legitimiert zur Teilnahme an den sozialen (gruppendynamischen) Prozessen in der Gruppe, zum Mitredenkönnen ist und wird man durch Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten im aktuellen Themenbereich. Kristallisationspunkte (Attraktoren) der Gruppe sind die Themenführer. Sie stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, und jedes Gruppenmitglied versucht, durch Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten von Randpositionen (legitimierte periphere Partizipation) näher ins Zentrum zu gelangen.
Anke Grotlüschen unterstreicht diese Sicht auf soziale Lernprozesse (in CoP’s) und deren Antriebskräfte wenn sie schreibt: „Aus der gewünschten Teilhabe an der Praxisgemeinschaft werden Lerninhalte erst generiert, der Wunsch nach Teilhabe generiert dabei die Bereitschaft, sich die notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erschließen.“  
So ganz neu ist diese „Sichtweise über die Entstehung von Lernmotivation und Lerninhalten“ (Grotlüschen) aber nicht, sie hat eine lange Tradition in der (amerikanischen) Soziologie und Sozialpsychologie, z.B. in den Arbeiten von Fritz Röthlisberger, Kurt Lewin, Elton Mayo, Abraham Maslow, Gregory Bateson, um nur einige zu nennen.  
Weil es mir so gut gefällt und mir hier passend erscheint, zitiere ich zum Xtenmal Fritz Röthlisberger (The Elusive Phenomenon, 1977) als Überleitung:
„I began looking for these [informal] relationships in all organizations, large and small; although they were somewhat camouflaged in the larger organizations, I found them there also. The relations of interconnectedness which I am talking about had to do with matters such as liking, trusting, and helping….[……] It seemed to me that in most organizations the employees found these informal relationships rewarding. Whenever and wherever it was possible, they generated them like crazy. In many cases they found them so satisfying that they did all sorts of nonlogical (i.e., things that went counter to their economic interests) in order to belong.”
Zur besseren Nachvollziehbarkeit der Argumentation bezüglich Lernmotivation sollten wir uns folgende Situationen vor Augen führen, - Erfahrungen, die wohl ein jeder von uns schon gemacht hat:
Stellen Sie sich vor, bzw. erinnern Sie sich an Situationen, wie z.B. Geburtstagspartys, Firmenessen, Betriebsausflüge, Stammtischrunden, Kaffeepausen bei Kongressen und Seminaren oder gemeinsames Essen nach einem Begräbnis. Irgendjemand schneidet ein Gesprächsthema an, von dem sie/er erwarten kann, dass es andere interessiert und ihm zugehört wird. Je mehr Leute zuhören und Beiträge leisten, desto stärker rückt der Themenführer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Gruppe. Jeder Teilnehmer kann durch einen Beitrag eine Themenverschiebung vornehmen und damit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Durch eine provokante Äußerung oder Ansprechen eines neuen Themas lassen sich die Themenführer aber nicht so leicht aus ihrer beherrschenden Position verdrängen, außer Konkurrenten beweisen, dass Sie kompetenter, erfahrener oder eloquenter sind oder ein noch wichtigeres, interessanteres Thema anzubieten haben und damit das Interesse mehrerer Teilnehmer auf sich ziehen können. 
Wenn Teilnehmer in Randpositionen nun keinen Beitrag leisten können oder wollen und auch keine Anknüpfungspunkte zum aktuellen Thema finden (was ja der Grund für ihre Randposition ist), weil sie keine einschlägigen Erfahrungen und Kenntnisse haben oder das Thema sie ganz und gar nicht interessiert, dann rücken sie immer weiter an den Rand des Geschehens, fühlen sich fehl am Platz und sind zunehmend frustriert, würden am liebsten früher als später die Gruppe und das Mauerblümchendasein verlassen oder sich andere Gesprächspartner suchen.  
Kommt jemand neu in die Gruppe hinzu, zieht sie/er für kurze Zeit die Aufmerksamkeit der Gruppe auf sich, aber ihre/seine Position ist damit noch lange nicht ausgemacht, außer die Beziehung zu einigen Gruppenmitgliedern ist so eng und stark, dass sie sich als Kern einer Subgruppe mit einem eigenen Gesprächs- bzw. Interaktionsthema etablieren können: aufregende Neuigkeiten, Erlebnisbericht nach Rückkehr von einer Reise, ein Kunststück vorführen, ….. 
Je nach Betroffenheit durch ein Thema und Fähigkeit zum Mitmachen definieren sich Zugehörigkeiten immer neu. Stabil bleiben kann die Zugehörigkeit über einen längeren Zeitraum dann (also nicht aus der Situation heraus spontan ausgehandelt werden), wenn Themen als Aufgabenbereiche fixiert sind durch berufliche Nötigungen (ein Problem ist zu lösen, eine Aufgabe zu erledigen) oder fixiert werden durch die Mitglieder in Form von institutionalisierten Arbeits- / Interessensgemeinschaften.
Entscheidend für das Andauern einer Praxisgemeinschaft ist das Gefälle zwischen den „Meistern“, den Wissenden, den Könnern, den Erfahrenen einerseits und den „Lehrlingen“, den Unwissenden und Unerfahrenen andererseits („Lernen ist ein Instrument zum Ausbau der Teilhabe an Praxisgemeinschaften“ Grotlüschen), denn an der Abarbeitung dieser Differenz entzündet sich das Ringen um Zugehörigkeit („belonging“) und Positionen innerhalb der Gemeinschaft, und das „Feuer“ brennt nur so lange, als es diese Differenz gibt.
Bleibt noch die Frage offen, was die Auslöser für derartige Gruppenbildungen sind, unter welchen Umständen und Bedingungen Praxisgemeinschaften überhaupt erst entstehen.
Die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes „Communities of Practice“, die Abgrenzung von anderen sozialen Phänomenen wie Arbeitsgemeinschaften, sozialen Netzwerken, Projektteams etc. geht davon aus, dass es schon vor Bildung einer „Community“ eine Gemeinsamkeit, etwas Verbindendes gibt, nämlich eine Domäne, die hauptsächlich praktische, berufliche oder private Angelegenheiten einschließt. Die Gemeinsamkeit ist also schon vordefiniert, sei es durch Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe, die Angehörigkeit zu einer Firma oder zu einem Tätigkeits- bzw. Fachbereich. Das reicht aber noch nicht, - es muss noch etwas hinzukommen, damit sich eine „Community of Practice“ entwickeln kann, nämlich ein gemeinsames Anliegen, ein triftiges Interesse, z.B. ein Problem, das gemeinsam zu lösen ist, weil es nur in Kooperation mit Seinesgleichen gelöst werden kann, bzw. besser und schneller gelöst werden kann, und zwar zwischen den Polen „einige brauchen“ und „einige können, wissen“ (die dies auch an die Frau / den Mann bringen wollen).  Doch diese Einsicht, dass „gemeinsam“ besser ist als „einsam“ braucht einen Auslöser, ein zündendes Aha-Erlebnis. Auslöser scheinen Situationen zu sein, in die man mehr oder weniger zufällig gerät (was auch einen gewissen Reiz ausübt), oder Einladungen von Freunden mitzumachen, oder eigene Suche nach Verbündeten. Eine Steuerung von außen scheint kaum möglich. 
Also:
o        Ein bereits vorab fixierter Rahmen der Zugehörigkeit muss gegeben sein, sonst bleibt es bei einem punktuellen Meinungs- oder Erfahrungsaustausch.
o        Die Spannungsfelder zwischen „so ist es“ und „es wäre gut, wenn..“ und „weniger“ und „mehr“ im Besitz von „wie geht das?“ (how to do) müssen vorhanden sein, sonst gibt es keinen Antrieb (Motivation) für Aktivitäten.
In Internetforen kann man beobachten, wie z.B. innerhalb der Domäne Softwareproblem irgendjemand eine Frage und Bitte um Hilfe stellt und gleich zig Leute mit Ratschlägen und Kommentaren darauf antworten: Dem Hilfesuchenden wird geholfen und die Helfenden können sich profilieren, Anerkennung und Bedankungen einfahren und sich als Belohnung als „guter Mensch und Fachmann/Frau“ fühlen. Damit ist die Sache aber erledigt, die Interaktion ist beendet. Es fehlt der nötigende Rahmen zur Fortsetzung. Lehrer an derselben / gleichen Schule oder TrainerInnen im selben Institut oder Mitarbeiter in einer Firma haben diesen Rahmen, aber in den meisten Fällen fehlen die beiden Spannungsfelder, oder aber es gibt Barrieren und fehlende Gelegenheiten, in denen Barrieren wie Angst, Misstrauen, Überlastung etc. keine behindernde Rolle spielen.
Genau hier setzt Etienne Wenger mit seinem Konzept „Cultivating Communities of Practice“ an,  um dem „Entwickeln und Teilen von Wissen in Organisationen“  auf die Sprünge zu helfen.
Weil die Untersuchung und Beschreibung der sozialen Phänomene „Lernmotivation durch Streben nach sozialer Anerkennung und Zugehörigkeit“ das Kernstück der Arbeit von Jane Lave ist und damit eine klare Abgrenzung zu Situationen mit Lernzwängen gezogen wird, müssten all jene Bestrebungen außer Betracht gezogen werden, welche versuchen, Arbeits- und Lerngemeinschaften zu verordnen, bzw. von außerhalb zu „implementieren“ (Wissensmanagement) und mit Entlohnung zu winken, denn in diesen Fällen überlagert die Nötigung, der Zwang, das Honorar die Lernmotivation aus zwischenmenschlicher Dynamik, aus den sozialen Spannungsfeldern.
Wo aber und wie kann „Cultivating Communities of Practice“ ansetzen?
Wenn Etienne Wenger 7 Prinzipien zum Design zur Entwicklung von „Communities of Practice“ formuliert, so gerät er damit in ein Dilemma.
Gelegenheiten schaffen und entsprechende Bedingungen einrichten für informelle Treffen („private and public spaces“) muss begleitet sein von der Hoffnung, dass da etwas passiert, dass sich etwas entwickelt im Sinne des „Designers“ (Prinzip 4 / 6). Steuern kann der Designer aber nicht, ob Leute aneinander Interesse, zueinander Sympathie und Vertrauen entwickeln. Wenn nicht, bräuchte es einer Moderation, oder er sucht sich vorab einen „leader“, eine Vertrauensperson und beauftragt sie/ihn umzurühren, zu animieren und zu intervenieren, ohne die „strategische“ Absichten des Designers zu verraten (dieser designt ja nicht selbstlos und ohne Absichten).
Der Designer könnte natürlich auch Ausschau halten nach einer funktionierenden CoP und die eine oder den anderen Kandidaten/in seiner intendierten CoP einschleusen, sie einladen, dort mal mitzumachen um Erfahrungen zu machen, damit sie dann selbst initiativ werden im Sinne des Designers.
Der Schlüsselpunkt ist also der Anfang, die Initialzündung, und nicht (wie Wenger ausführt) die begleitenden Hilfestellungen, die Moderation einer bereits aktiven CoP. Es bleibt also als einzige Möglichkeit, günstige Bedingungen und passende Gelegenheiten zu schaffen, damit Leute im Sinne einer CoP zueinander finden, denn sobald auch nur der Anschein einer von außen kommenden Absicht auftaucht (versteckte Instrumentalisierung), ist es aus und vorbei, - die Leute stellen die Misstrauenshörner auf, halten sich zurück oder verziehen sich in geschütztere Räume.
Eine andere Möglichkeit wäre, sich (als jemand, der Interesse daran hat, von einer CoP zu profitieren) eine potentielle Schlüssel-/Vertrauensperson zu suchen, eine Kernaufgabe (Ziel) zu formulieren und diese Person auf gut Glück und eigene Verantwortung ins Feld zu schicken, ausgestattet mit einigen guten Ratschlägen (how to do and what to avoid).
Zum Schluss:
Ich habe schon so viele CoP’s erlebt, an vielen selbst teilgenommen (ohne zu wissen, dass es sich um eine solche handelt) und deshalb mit ruhigem Gewissen sagen kann, dass ich sehr misstrauisch bin, wenn jemand sagt, er/sie möchte eine CoP installieren. Da mache ich sicher nicht mit.
Allerdings, die Sache menschliches Verhalten und Eingebettetsein in soziale Verhältnisse ist wohl etwas verzwickter: Sollte mich eine befreundete Person einladen an einem Kochkurs teilzunehmen, oder ich suche oder bekomme ein diesbezügliches Angebot und ich gehe hin, weil ich etwas lernen will, könnte daraus eine CoP entstehen, in der ich mich zu hause fühle, und in der wir unsere „eigene Suppe kochen“. 
Einfacher scheint es nur zu werden, wenn strukturelle Zwänge Menschen dazu nötigen, ihre quirligen Eigenheiten in „Kopf und Herz“ zu unterdrücken. So funktioniert die Maschinerie der Arbeitswelt und des (städtischen) Staatsbürgerdaseins, aber nicht die CoP’s im Sinne von Jane Lave’s „legitimate periferal participation“.
Johann Ortner, 17. Mai 2011

Was hat der selige Heinz Conrads mit der Burka zu tun?
 
Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, ich muss zum Psychoanalytiker, etwas stimmt nicht mit mir! Wann immer mein Laptop in Reichweite ist, habe ich das Gefühl, etwas niederschreiben zu sollen, etwas Vielsagendes, eine Mitteilung an die Welt. Das nervt mich wirklich, aber ich kann’s einfach nicht lassen. Aber was gibt es da schon zu sagen? Die großen philosophischen Menschheitsfragen liegen ohnedies weit, weit draußen in der Unendlichkeit des Alls begraben oder sie stecken tief, tief und unnahbar in unseren Zellen. Zu den weltbewegenden ökonomischen, politischen, religiösen Themen den Mund aufzumachen ist irgendwie peinlich, denn da müsste ich mich ja notgedrungen abgrenzen von den aufgebrachten Leserbriefschreibern und wutschnaubenden Bloggern und dergleichen zahllosen multimedialen Schreihälsen mehr, das lässt meine Eitelkeit einfach nicht zu. In den Niederungen das Alltags ist es – so man nicht angesichts der wirklichen oder auch eingebildeten Bedrohlichkeiten vor Angst und Schrecken wie der Frosch vor der Schlange zu einem hirnlosen Fleischklumpen erstarrt – leichter und folgenloser, den Mund aufzumachen, wie z.B. zur Verfassungsklage gegen das Burkaverbot in Belgien. Dazu fällt mir meine Ex-Schwiegergroßmutter ein, eine einfache, aber durchaus gewiefte und neugierige Frau. Samstagabends und sonntagvormittags saß sie voll spannender Erwartung und Vorfreude vor dem Schwarzweißfernseher, um die Sendung mit Heinz Conrads anzusehen. Dann trat er auf! Der große Moment: „Guten Abend die Madln, Servus die Buabn!“, mit einem kräftigen Zwinkern des rechten Auges, und es war der Himmel auf Erden, und die greise Dame zwinkerte zurück und winkte und mischte sich mit ihrem „Servus Heinzi“ ungeniert in die Sendung ein. In meiner dümmlich jugendlichen Anmaßung versuchte ich sie aufzuklären, dass er, der Heinzi, sie doch gar nicht sehen würde und auch nicht könne, aber sie könne ihn – dank wundersamer Technik – auf dem Bildschirm sehen, - er spiele ja nur Theater und tue so als ob er sie sehen könnte. Da war sie aber richtig böse auf mich: „Warum zum Teufel soll er mich nicht sehen können, wo ich ihn doch sehen kann und er mir zuzwinkert, das gibt’s doch gar nicht, das kann’s nicht geben, das wär’ ja ungerecht, das ghörte ja verboten!“
Ja, deshalb bin ich auch dafür, dass man dagegen ist, denn das ist ja unfair. Da kann mich eine jemand beäugen, aber ich habe keine Chance, die möglichen Blicke zu erwidern, neugierig, bewundernd, verächtlich, abwehrend, ignorierend, oder wie immer. Zugegeben, so eine Burka ist auch was Feines, sie schützt vor Kälte und Ansteckungen jeglicher Art und frau ist nie im Stress unter so einer Burka, frau kann aussehen wie frauman will, gepflegt sein oder nicht, Falten haben im Gesicht oder nicht, aussehen wie ein Besenstiel oder wie ein Gummibärli, egal, frau fühlt sich sicher und geborgen hinter der Betuchung, sie fühlt sich und ist auch nicht begehrlichen, taxierenden Blicken ausgesetzt. Aber ich finde es trotzdem ungehörig, es widerspricht dem theoretischen Grundsatz, dass alle, ob Mann oder Frau, in etwa die gleichen Möglichkeiten, Chancen und Zugänge haben sollen, also widerspricht es der Verfassung und überhaupt den Menschenrechten und gehört verboten, außer, die Männer tragen auch Burkas, was eine durchaus interessante Lösung des Problems wäre. Stellen Sie sich vor, eine belebte Straße im Zentrum von London, Paris, Rom oder Tokyo mit tausenden verburkaten Menschen, das wäre doch filmreif, oder etwa nicht. Was aber die Religion betrifft, die einschlägigen Ge- und Verbote, so traue ich mir da kein Urteil zu, denn der Gott, der sie erlassen hat, wird schon gewusst haben, warum er Männer und Frauen ungleich behandelt sehen will, - für Demokratie hatte er auf jeden Fall wenig übrig und er war ja auch ein Mann.
Ich bin neugierig, ob bei der Urteilsverkündung inmitten der hochnotablen Verfassungsrichter auch eine Richterin sitzt, angetan mit einer Burka, einfach damit sie nicht gescholten werden kann in der Öffentlichkeit, sollte sie die Klage zurückweisen oder ihr stattgeben, was auch keinen allzugroßen Unterschied ausmacht, denn .......
 
Japan, Juli 2011


 
Professor Spitzers Kampf gegen die Wind(ows)mühlen
Wien, Oktober 2012
Aus: www.amazon.de Manfred Spitzer: Über den Autor - Pressestimmen
„Manfred Spitzer ist einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher. Kaum jemand kann wissenschaftliche Erkenntnisse derart unterhaltsam und anschaulich präsentieren.“
Ich erlaube mir hinzuzufügen.
Ein unermüdlicher Kämpfer für die Bewahrung und Verteidigung der alten, heilen Kinder-, Eltern- und Lehrerwelt.
 

Verehrter Herr Professor Spitzer,

Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihr anregendes und aufregendes Buch „Digitale Demenz“. Beim Lesen habe ich förmlich gespürt, wie meine Gehirnganglien wie wild zu arbeiten begannen. Das tun sie immer, wenn ich mich aufrege und mich über etwas ärgere. Mein Hirn sucht unentwegt nach Argumenten, mit denen es Zumutungen abwehren und seinen aufrechten Gang durch das Leben in dieser Welt ohne Schaden fortsetzen könnte. Das beflügelt, bläht den „Geist“ auf und verleiht ihm Flügel!

Also, nochmals Danke für die Stimulation. Ich habe schon lange nicht mehr so ein schlecht geschriebenes Buch mit so schlechten Argumenten gelesen, weil ich derlei Bücher meist gleich in den Müll werfe. Aber diesmal habe ich – mit zahllosen Nein-Danke-Unterbrechungen – durchgehalten und bin schließlich aufatmend bei den Besser-Leben-Ratschlägen gelandet, und diese von einem Neurowissenschaftler. Ja, „Neurowissenschaftler“ müsste man sein, denn deren Worte gehn so richtig rein ins Hirn!

Ende der Adresse.

 

Der Reihe nach: Was hat meinen „Geist“ auf die Palme gebracht?

(Auf die Frage, was Herr Spitzer unter „Geist“ versteht, was er damit meint, will ich aber gar nicht eingehen.)

Adressaten

Zuallererst muss ich mir wohl selbst die Frage stellen, für welches Leserpublikum ich meine Einwände gegen die Argumentation von Herrn Spitzer schreiben und was ich damit bei diesen bewirken will. Diejenigen Leute, an die sich Herr Spitzer wendet, die von ihm adressierte „geistig minderbemittelte Schicht“, welche ihren Nachwuchs mit dem Suchtgift Computerspiele, Fernsehen und Facebook zwecks Ruhigstellung bzw. aus Ignoranz füttern, werden meine Zeilen mit Sicherheit nicht lesen, nicht lesen können und auch nicht wollen. Jene, die halbwegs gebildet sind und die Welt der gedanklichen Manifestationen mit kritischem Blick durchforsten, werden diese Zeilen auch nicht lesen, weil sie zu Recht darin nichts für sie Neues zu finden vermuten werden. Jenen, die das Buch gelesen haben, Rezensionen geschrieben haben und die Sache ähnlich sehen wie ich, werden meine Einwände nichts bringen. Also schreibe ich wieder mal für mich selbst, um mein Hirn nicht absterben zu lassen. Weil ich aber, so wie Herr Spitzer, auch eitel bin, stell ich’s für Internetsüchtige auch auf meine Homepage. 

An welches Leserpublikum Professor Spitzer seine Alarmrufe sendet, ist mir ganz und gar nicht klar. Jene Leute, die er aufrütteln und bekehren möchte sind ja hauptsächlich die „unteren Schichten“. Dafür sprechen in erster Linie der Argumentationsstil, die Schreibweise und vor allem die zahllosen Hinweise auf wissenschaftliche Studien, wie kurze, „in den Kram passende“ Zitate daraus: Wenn Forscher, Wissenschaftler und Experten das sagen, dann wird es wohl stimmen. Also spekuliert Herr Spitzer mit der Autoritätsgläubigkeit seines Zielpublikums und – so scheint es – hat damit auch Erfolg. Das „Milgram Experiment“ spricht eindeutig dafür. (Was das ist und worum es dabei ging, kann jedermann/frau dank Internet, Google und Wikipedia ganz schnell und leicht nachlesen und sich schlau machen.)

Aber ist es wirklich diese Schicht, welche seinen „Bestseller“ gekauft hat? Ich bin mir ziemlich sicher: Nein, diese nicht!

Wer also? Wer hat so großes Interesse an diesem miserablen Buch? Die politischen Entscheidungsträger, die IT-Bracheleute, die Befürworter und Nutznießer der digitalen Revolution? Diese schon eher, denn die fühlen sich ja kritisiert, angeklagt und bedroht und wollen wissen, wer womit ihnen da in die fette Suppe spuckt. 

Aber wer sind diese Leute, die jene zahlreichen Kommentare in den Online- und Printmedien schreiben, in welchen Herrn Professor Spitzer applaudiert und ihm Dank gesagt wird für sein mutiges Auftreten gegen die Kapitalsünden des 21. Jahrhunderts? Um dies unwiderleglich herauszuforschen wäre freilich eine empirisch-wissenschaftliche Studie erforderlich. Aber Vermutungen kann man vorweg schon mal anstellen, - Herr Spitzer tut dies ja auch andauernd. (Anzumerken ist, dass die fundierteren Verrisse durchwegs von Fachkolleginnen und –Kollegen und von gebildeten, kritischen, unparteiischen Lesern und Leserinnen kommen. Die trauen sich auch, ihre Meinung zu sagen und zu veröffentlichen.) 

Ich vermute also, dass der publizistische und in Gefolge der pekuniäre Erfolg wohl zu einem erklecklichen Teil darauf zurückzuführen ist, dass es viele, viele Leute gibt, die nicht mitgekommen sind mit der historischen, technologischen, medialen, intellektuellen Entwicklung und denen dieses digitale Zeug zuwider ist, also Eltern, und nicht zu vergessen eine große Schar von Lehrerinnen und Lehrer, die sich von dem Einsickern der digitalen Medien in ihre bis dato so klar geregelte, „heile Welt“ bedroht fühlen, die müde sind dazuzulernen und Angst haben, von ihrem Podest der omnipotenten Autorität und allwissenden Fachkraft gestoßen zu werden. Endlich sagt da jemand – und das ist nicht nur irgendein Jemand –, dass man das digitale Zeug nicht braucht, ja dass es gefährlich und schädlich ist und dass es hiermit verboten gehört. Bravo! Danke Herr Professor Spitzer!

Genug der Polemik und der Vermutungen, gehen wir ins Detail!

Zunächst zur Kernaussage:

Die Hirnforschung hat unwiderlegbar nachgewiesen, dass unser Hirn und vor allem das der Kinder und Jugendlichen schrumpft, wenn sie zu viel fernsehen, Computergames spielen und das Internet als Informationsbesorger nutzen, bis letztendlich im Kopf nur mehr Luft und Stroh ist. Das macht krank in jeder Hinsicht, analog zur unbestreitbaren Tatsache, dass zuviel Alkohol, zuviel fettes oder zuckerreiches Essen, zuviel alles Mögliche krank macht. Das leuchtet ein!

Frage: Ist es im Gesundheitswesen nicht so, dass die Meinung vertreten wird, nicht irgendetwas Konsumierbares an sich mache krank, sonder das Zuviel, - dass nur eine ausgewogene, vielfältige, abwechslungsreiche Ernährung fit und gesund erhält? Aber auch an einem Zuwenig kann man bekanntermaßen schwach und krank werden, was auch ein zentrales Argument von Herrn Spitzer ist: Zuwenig geistige Nahrung lässt die Ganglien im Hirn faul werden. Warum behauptet also Herr Spitzer, dass digitale Medien an sich Menschen verblöden und krank machen? 

Beispiel: Meine kleinen Enkelkinder sehen fast täglich mit Begeisterung Märchenfilme, Miki Mouse und allerlei Kinderprogramme im Fernsehen, und die Eltern oder ich lesen ihnen trotzdem täglich Geschichten vor, weil sie danach vor dem Einschlafen verlangen, wir spielen Spiele und spielen Theater, sie singen, tanzen, zeichnen, wandern, pflücken Blumen, sprechen mit ihren Hasen, telefonieren mit KindergartenfreundInnen, gehen mit Begeisterung in den Tiergarten und so weiter. Sie entwickeln sich prächtig und sie sind rundum gesund, gesellig, brav und schlimm, einfühlsam, neugierig, schlau und einfach super, trotz Fernsehen, CD-Musik und Handy, gerade wegen der Vielfalt der Dinge, mit denen sie sich auseinandersetzen können und müssen in ihrer Kinderwelt. Warum habe ich in seinem Buch nichts Dergleichen, kein Plädoyer für eine ausgewogene Vielfalt entdecken können. Habe ich da was übersehen?

Zur Methode und Argumentationsweise

Herr Spitzer schreibt, er hätte aus bestimmten Gründen kein wissenschaftliches Buch schreiben wollen, weil er seine eigenen Forschungsergebnisse und Erkenntnisse sowie die seiner zahlreichen FachkollegInnen unters Volk bringen will: Aufklärung und Volksbildung, zwischen Buchdeckeln verpackt und on TV. 

Wie argumentiert Herr Spitzer?

Für die Fülle an Binsenweisheiten, die er zum Besten gibt, bräuchte es eigentlich keine näheren Begründungen, denn diese stecken ohnedies in den Köpfen der allermeisten Bürger. Er tut es aber trotzdem mit Hinweisen auf „Forschungsergebnisse“, an deren Triftigkeit bzw. Richtigkeit nicht zu zweifeln sei.

In den Köpfen vieler Menschen könnten Forscher aber auch Überzeugungen, Vorstellungen, Vorurteile, Unwahrheiten und Dummheiten finden, die für den Einzelnen wie für die Gesellschaft gefährlich und für das Wohlergehen schädlich seien. Diese gilt es auszutreiben. Ein nicht ganz neues Unterfangen, denkt man an die griechischen Philosophen, an Rousseau und die zahllosen Mahnern bis hin zu den heutigen Geistesgrößen, Aufklärern, Kritikanten und Protestanten. Glaubt man den Beifallklatschern ist er einer von denen. Schön und gut! Allerdings finde ich im Buch – mit Verlaub gesagt – fast nur „Kleingeisterei“. Warum?

 

Herr Professor Spitzer beginnt (gebetsmühlenartig) die vierzehn Kapitel seines Buches mit für Jedermann/-frau auf Anhieb einleuchtender Empirie, also eigene oder fremde Beobachtungen, Erfahrungen, Kurzgeschichten, die Fragen aufwerfen und die hausbackene Antwort gleich mitliefern: Muskeltraining macht Muskeln größer und stärker. Trainiert man sie nicht, dann schrumpfen sie und man wird schwach und letztendlich auch krank. Unser Hirn funktioniert ebenso. Es wächst und wird leistungsfähiger, wenn man es permanent herausfordert und auf Trab hält. Tut man es nicht, schrumpft und verkümmert es bis hin zur völligen Verblödung.

Darauf folgt die wissenschaftliche Untermauerung der (wenn – dann) Schlussfolgerungen, die sich als unumstößliche Fakten und weniger als Thesen ausgeben. Um den Einsichten und Erkenntnissen aus Alltagserfahrungen mehr Gewicht und Nachdruck zu verleihen folgen gleich „findings“ der empirisch wissenschaftlichen Forschung mit Zitaten, kurzen Beschreibungen der Forschungssettings oder/und Aussagen von Kommentatoren der Studien aus Magazinen, Zeitungen und anderen Medien.

Am Ende der einzelnen Kapitel, die unterschiedliche Themen der digitalen Bedrohung unserer mentalen Gesundheit behandeln, stehen kurze Zusammenfassungen, die Herr Spitzer mit „Fazit“ betitelt, was soviel heißen soll wie „Schlussfolgerung“. 

Und was ist daran auszusetzen? So bringt man doch nützliches Wissen unters Volk, oder etwa nicht!

Die Problematik steckt wie so oft im Detail.

Herr Prof. Spitzer versucht mit Verallgemeinerungen, mit unseriösen Generalisierungen, Verkürzungen und manipulativer Reduktion von Komplexität zu überzeugen. Ich tu’s – vorweg – ihm gleich und stelle folgende verallgemeinernde Kritikpunkte in den Raum, bevor ich ins Detail gehe.

 Herr Spitzer dürfte vom Phänomen der selektiven Wahrnehmung gehört haben. (Kurz: Man nimmt nur das wahr, was man willentlich oder unbewusst wahrnehmen will, - das Auge sieht und das Ohr hört zwar alles, aber nur wenig davon dringt ins Bewusstsein vor, - es wird gefiltert. Oder wie Ludwig Wittgenstein es ausdrückte: „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.“) Dies gilt nicht nur für die alltägliche Wahrnehmung unserer Umwelt sondern auch für empirische Untersuchungen. Sie sind fokussiert auf eine Forschungsfrage und geleitet vom jeweiligen Forschungsinteresse. In die Forschungsinteressen fließen aber nicht nur rein wissenschaftliche Erkenntnisinteressen, sonder auch individuelle Profilierungsinteressen, Aufmerksamkeitshascherei, gesellschaftliche wie kommerzielle Interessen und der sogenannte „Zeitgeist“ mit ein. Pharmafirmen z.B. gaben und geben Studien in Auftrag, gegen Bezahlung versteht sich, die Wirksamkeit und Unschädlichkeit ihrer Produkte belegen sollen, scheffeln Geld, bis, ja bis die Todesfälle die Lügengebäude zum Einsturz bringen. Mehrere davon kenne ich aus der Zeit meiner Tätigkeit an neurologischen Kliniken in Osteuropa. Herr Spitzer selbst berichtet von derartigen Studien zum Einfluss digitaler Medien auf unsere mentale Gesundheit, die von der Industrie beauftragt und bezahlt wurden und seiner Meinung nach zu völlig falschen Schlüssen führten. Trotzdem spickt Herr Spitzer seine Argumentationen mit Hinweisen auf Forschungsergebnisse, zum Teil veraltete, tendenziöse (hauptsächlich aus dem englischsprachigen Raum), von denen auch ein „Wissenschaftsbetriebkenner“ nicht wirklich sagen kann, welche Forschungs- und sonstige Interessen dahinter stecken, ganz abgesehen davon, dass man Studien auch selektiv lesen kann, wie man fast täglich in den Medien hören und lesen kann. Manche der Studien scheint Herr Spitzer allerdings nur aus der Sekundärliteratur zu kennen. Ich werde darauf noch zurückkommen.

Da wäre noch ein Punkt zu erwähnen. Es geht um die nicht nur mir sinnvoll erscheinende Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Beobachtung. Ich zitiere Karl Popper: „In der Wissenschaft spielt nicht so sehr die Wahrnehmung, wohl aber die Beobachtung eine große Rolle. Eine Beobachtung aber ist ein Vorgang, in dem wir uns äußerst selektiv verhalten. […] Der Beobachtung geht ein Interesse voraus, eine Frage, ein Problem – kurz, etwas Theoretisches.“ Karl Popper nennt diese Sicht auf empirisch wissenschaftliche Theoriebildung „Scheinwerfertheorie“. Ich maße mir nicht an, Herrn Prof. Spitzer belehren zu können, will ich auch gar nicht, aber ist die „These“ denn nicht konsensfähig, dass Selektionsmechanismen der „Wahrnehmung“ in der Biologie, in der Entwicklungsgeschichte einer Spezies und deren Kampf ums Überleben ihre Wurzeln haben, selektives, zielgerichtetes Beobachten hingegen interessensgesteuert ist. Wissenschaftliches Beobachten ist auf ein klar abgegrenztes Phänomen fokussiert – wächst z.B. der Hyppocampus bei bestimmten Tätigkeiten, wie beim Navigieren ohne Navigationsgerät, ja oder nein – und produziert aus den „Beobachtungen“ Thesen in der Form: Wir haben bisher nur weiße Schwäne beobachtet, daher sind alle Schwäne weiß. Dies gilt solange (nach Poppers Falsifikationstheorem), bis ein brauner oder schwarzer Schwan gesichtet wird.  Wissenschaftliche Beobachtung (auswählen, abgrenzen, Gleiches von Ungleichem trennen, messen und zählen ist daher „Reduktion von Komplexität“, Herrn Spitzers „Reduktion von Komplexität“ ist unwissenschaftlich, weil sein Argumentationsstil unwissenschaftlich ist: „wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass …, also ist das ein „Faktum“, eine „Tatsache“!            

Was mich ein wenig verwundert hat, ist die „Tatsache“, dass Herr Spitzer Namen von Wissenschaftlern und Forschern aus Soziologie, Psychologie, Systemtheorie etc. wie z.B. Jean Piaget, Lev Vygotsky, Erving Goffmann, Paul Watzlawick, Stanly Milgram, Richter, Mitscherlich, Willi, Popper, Luhmann, Maturana, und wie sie alle heißen, die durchaus was zu sagen haben und gehabt haben, mit keinem Wort erwähnt, und wenn er Kurt Lewin mal zitiert, so scheint dieser gar nicht in der Literaturliste auf, also hat er ihn nicht gelesen. Sind ja auch nicht seine Fachgebiete, denn er versteht sich als „Hirnforscher“, und zwar der alten Schule, der „elektrischen“, die noch von den schönen Bildern (elektrophysiologische „brain-maps“ bzw. „mind maps“) und Kurven auf den Bildschirmen sündteurer Geräte so beeindruckt war, dass sie hoffte, daraus bald Gedanken ablesen zu können. Seine Begrifflichkeit und die Paradigmen, an denen seine Argumentationen sich orientieren sind dieser elektrischen, der digitalen Computerwelt entnommen: Signale, Informationsverarbeitung, Speicherung, Speicherkapazität, neuronale Netzwerke, und dergleichen mehr. Herrn Spitzers Sicht -   und die seiner elektroneurophysiologischen Forscherkollege – erinnert mich an eine Begebenheit in meiner frühen Jugend. Mein Vater hatte mir ein funktionstüchtiges altes Radio geschenkt und ich habe es mit Beißzange, Schraubenzieher und Hammer in kleinste Teile zerlegt, die Röhren, Spulen und Döschen aufgebrochen, um dahinterzukommen, warum und auf welche Weise dieses Ding Töne und Laute ausspuckt. Neugierig war ich schon immer, aber eine befriedigende Antwort habe ich erst viel später gefunden.    

Gefinkelt und trickreich ist vor allem Herrn Spitzers „auf den Punkt-Bringen“ in den „Fazit“ am Ende jedes Kapitels. Was macht er da? Er fasst zunächst die im jeweiligen Kapitel angeführten wenigen Beispiele und Argumente so verallgemeinernd zusammen, dass sein „Fazit“ wie ein unumstößliches „Naturgesetz“, wie von der wissenschaftlichen Welt allgemein anerkannter Wissenstand erscheint. Wenn man das betreffende Kapitel dann noch mal nachliest, um zu überprüfen, ob die vereinzelten Beispiele und angeführten Forschungsergebnisse vereinzelter Studien eine derartige Generalisierung rechtfertigen, komme zumindest ich zu dem Schluss, dass sein „auf den Punkt-Bringen“ unseriös ist. Um allfällige Zweifel an der Triftigkeit der „Erkenntnis“ zu zerstreuen, fügt Herr Spitzer gleich daran einen Hinweis hinzu: „Neueste Studien haben gezeigt ….“ „Neuere Experimente zeigen ….“ „Es gibt keinen hinreichenden Nachweis für die Behauptung …..“ Damit wird suggeriert, dass die von ihm genannten Forschungsergebnisse einiger weniger Studien den aktuellen Forschungsstand repräsentieren. Möglich wäre aber auch, dass er damit auf weitere, von ihm nicht genannte Studien hinweisen möchte. Er ist ja „Forscher“ und wird sie wohl kennen, oder? Abgeschlossen werden die Fazits mit trivialen Empfehlungen, Mahnungen und Warnungen: „Und wer die Schriftsprache ernst nimmt, der sollte eher für Bleistifte als für Tastaturen plädieren. “So gesehen, ist es äußerst beunruhigend, dass mittlerweile etwa eine Milliarde Menschen Facebook nutzen.“  

Sehen wir uns die einzelnen Kapitel etwas näher an.

 Einführung

Sie dient Herrn Spitzer hauptsächlich dazu, Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auf eine möglich Kritik wie z.B. „Sie sind ja völlig altmodisch! Wollen Sie nicht gleich zurück in die Höhle!“ antwortet er: „Nein, das will ich nicht. Im Gegenteil: Wenn wir nicht aufpassen und nicht endlich damit aufhören, die nächste Generation zu verdummen, dann ….“ Er sei auch nicht jemand, der maßlos übertreibe, gegen Windmühlen kämpfe und ein Medienhasser sei. Die LeserInnen werden beruhigt sein und weiterlesen.

In dieser Einführung werden dann auch gleich alle Geschütze aufgefahren und das Pulver verschossen, so dass sich eigentlich alle weiteren Kapitel erübrigen. Auch hier in der Einleitung schon verweist Herr Spitzer auf Studien, aus deren Titel in den Anmerkungen – wie z.B. Anmerkungen 16 bis 20 – zu entnehmen ist, dass die Forschungsfragen nicht unbedingt mit seinen Behauptungen in Beziehung gebracht werden können. Der Studientitel von Anmerkung 16 spricht von Fernsehnutzung, aber Herr Spitzer spricht von Computernutzung im frühen Kindergartenalter, um nur ein Beispiel zu nennen. Das möglicherweise ausschlaggebende Ausmaß der Nutzung, das zu Schäden und Störungen führen „kann“, wird erst gar nicht angesprochen, sondern die Nutzung generell als schädlich behauptet. Ich frage mich, wer von seinen LeserInnen all diese schwer zugänglichen Studien nachlesen will und kann, um derlei Kurzschlüsse überprüfen zu können. Ich will und kann es auch nicht! Noch mal: Wozu all diese Anmerkungen? Sollte ein Text nicht in sich schlüssig sein?

Mit den darauf folgenden Kapiteln will er, so schreibt er, der drohenden „digitalen Demenz Einhalt gebieten“, indem er als Wissenschaftler zur Beweisführung antrete und seinen Lesern und Leserinnen die Beweise zur Kenntnis bringe.

Kapitel 1 „Taxi in London“

Herrn Spitzers Lieblingsthema: Gehirnwachstum und Absterben von Gehirnzellen. Der „Hyppocampus“ hat’s ihm angetan, und dass dieser wachsen, aber auch schrumpfen kann, sei es durch Stress oder Alzheimer, beweist er mittels „Gehirnbildgebung“ „bildgebender Verfahren“ und ein paar simplen Grafiken. In einen Topf kommen da „Stress“, „Alzheimer“ und ungenügendes Training des Hirns durch Londoner Taxifahrer, sowie Verdummung durch Nutzung von „Satellitennavigationsgeräten“. Die Argumentationskette ist eines „Wissenschaftlers“ unwürdig und über Strecken so abstrus (Siehe Anfang des nächsten Kapitels: „Navigieren ist das Wichtigste, was ein Pilot lernt und tut“), dass man nur lachen kann. Was hat z.B. die Alzheimerkrankheit mit Hirntraining und Stress zu tun? Mehr ist zu diesem Kapitel nicht zu sagen! Für einen Laien, für welche er sein Buch ja geschrieben hat, wäre es vielleicht interessant gewesen, von einem „Wissenschaftler“, der sein Wissen locker und verständlich unters Volk bringen kann, zu erfahren, was mit den diversen modernen Geräten, den Elektroenzephalografen, Radiografen, Magnetresonanztomografen, Kernspintomografen, usw. (die übrigens ohne Computer gar nicht funktionieren würden) gemessen werden kann, wie daraus schöne Bildchen entstehen und was ein Spezialist daraus ablesen kann. Die Größe von Hirnarealen darzustellen und wo welches Areal gerade spurt, ist langweilig und auch nichtssagend.

Kapitel 2 „Wo bin ich?“

„Demenz“, der titelgebende Begriff seines Buches ist hier Thema. Diese, aber auch andere Gehirnerkrankungen wie Alzheimer und Hirntumore dienen Herrn Spitzer zur Untermauerung seines Arguments, dass nicht nur sie sondern auch mangelndes „geistiges Training“ die „neuronale Hardware“ zur Degeneration, zum Absterben bringt. Das Kapitel schließt im „Fazit“ mit der Feststellung, dass „gute Bildung in Kindheit und Jugend“ wichtig seien. Sonst nichts Neues, außer vielleicht ein paar hingestreuter und nicht ins Thema passender Ursachen von „Magen-Darm-Trakt“ Beschwerden. In unserem Körper hängt doch alles zusammen, wie der Volksmund zu berichten weiß: Liebe geht durch den Magen. Eine wahre Meisterleistung, Alzheimer mit dem Gebrauch digitaler Medien in Verbindung zu setzen. Gott sei Dank gibt es heutzutage schon Alternativen zum Röhrenbildschirm, denn diese hätten für Herrn Spitzer wegen der schädlichen Strahlenbelastung ein schwer zu widerlegendes Argument abgegeben für die Warnung vor digitaler Gesundheitsgefährdung. 

Kapitel 3 „Schule: Copy and Paste statt Lesen und Schreiben?“

Dieses Kapitel dürfte für BildungspolitikerInnen, LehrerInnen und KindergartenpädagogInnen vielleicht von Interesse sein, denn es geht um die vielfach geforderte Aneignung von „digitaler Kompetenz“ in der Schule, wenn nicht sogar schon im Kindergarten.   

Gleich einleitend gesteht Herr Spitzer ein, selbst das Copy and Paste Verfahren mit Gewinn zu verwenden, innerhalb eines Textes, wie er schreibt. Ich sollte mir seine zahlreichen Publikationen genauer ansehen, denn ich vermute, dass er – wie die diversen Titel nahelegen – auch an anderer Stelle bereits Genanntes einfach wieder in andere Publikationen hineinkopiert hat. Aber dies ist Nebensache. Etwas weltfremd liest sich die Untermauerung seines Hauptarguments „Hirn muss trainiert werden, sonst verkümmert es“ mit dem Beispiel „Traktorfahren“: Traktorfahrer bekämen vom Sitzen auf dem Traktor Rückenschmerzen, weil die Rückenmuskulaturen nicht gefordert würden. Also bitte Herr Spitzer, fliegen Sie nicht stundenlang interkontinental in der Economy Class, fahren Sie nicht Auto, sitzen Sie nicht stundenlang auf Ihrem Bürosessel und lassen Sie Ihre Tochter in der Schule nicht stundenlang auf schlechten Sesseln sitzen. Sind Sie schon mal auf einem Traktor gesessen, ich meine nicht auf einem fünfzig Jahre alten? Wissen Sie, wie viele Stunden durchschnittlich ein moderner Bauer pro Tag auf seinem ergonomischen, gut gefederten und gepolsterten Traktorsitz verbringt und was er sonst noch so treibt, um seine Muskulatur nicht verkümmern und seinen Stützapparat nicht verkrüppeln zu lassen? 

Was folgt, sind „Vermutungen“, wie er konzediert: Computer unterminieren „die Tiefe der Verarbeitung eines Sachverhalts“ im Gehirn. Übrigens: „Sachverhalte“ können im Hirn gar nicht verarbeitet bzw. „abgespeichert“ werden, - er spricht auch von „eingehender Information“, ein typisches Beispiel für seinen schlampigen Umgang mit Begriffen wie „Information“, „Geist“, „speichern“, die er offensichtlich der populärwissenschaftlichen Computerwelt entlehnt, ohne über deren umgangssprachlichen Bedeutungen und wissenschaftlichen Verwendungsmöglichkeiten den Kopf zu zerbrechen. Für Herrn Spitzer ist eh alles klar: Eine „Information“ wird von A nach B geschickt, digital-elektrisch oder sonst wie (in alten Zeiten postalisch), und dort angekommen leuchtet ein Lämpchen im Hirn auf, das sagt „erhalten und verstanden“. Von „konstruktivistischer Erkenntnistheorie“ scheint Herr Spitzer noch nie was gehört zu haben. Das Bild „Gesicht oder Haus“ zur Illustration der Funktion „selektiver Aufmerksamkeit“ – ein alter Hut – ist schlecht gewählt, denn ich sehe beide übereinandergelagerten Bilder gleichzeitig. Zu diesem Thema gäbe es weitaus bessere und verblüffendere Bildchen und Filmchen, die im Internet auch unter dem Titel „selektive Wahrnehmung, oder viel besser noch auf Youtube unter „selective attention – Gorilla“, ein tolles Filmchen mit über dreißig Million Abrufen, genüsslich zu Gemüte geführt werden können. Oh je, schon wieder so ein digitales Medium! Aber sein Buch zu lesen ist nicht so lustig!

Im Abschnitt „Ein Laptop für jeden Schüler?“ (Schülerinnen sind nicht so wichtig!) kommt Herr Spitzer endlich zur Sache. Über vier Seiten lang referiert er über das weltumspannende Project „One Laptop per Child“, welches vor allem Kindern in den Entwicklungslängern den Zugang zur digitalen Welt ermöglichen soll. Wie üblich bei derartig ambitionierten und zukunftsweisenden Projekten gibt bzw. gab es eine Reihe von Fehlern, Pannen und Defizite, aber aus Fehlern kann man ja auch lernen. Dass etwas nicht so läuft wie gedacht und beabsichtigt, ist nicht wirklich ein Grund, einem Projekt Sinnlosigkeit nachzusagen. Missbrauch der (Billig-) Computer – Herr Spitzer nennt da „Kinderpornografie“ – gibt es meines Wissens hauptsächlich in den Wohlstandsländern und eher von Erwachsenen als von Kindern. Also ein Kritikpunkt am Projekt, der ins Leere läuft, denn nicht der Computerzugang ist Ursache für Missbrauch, sondern soziale und psychische Probleme wie auch mangelnde „Safer Internet-Bildung“ in den Schulen. Wenn jemand internetsüchtig, kriminell oder zum Säufer wird, ist darin nicht die Existenz von Computern, Banken bzw. von Alkohol schuld. Leuchtet doch ein, oder?  Ganz abgesehen davon, dass bekanntlich Verbote wenig bewirken, außer vielleicht Verdummung und im besten Fall Mobilisierung „geistiger“ Kräfte, um Verbote listig zu unterlaufen. Ich drücke ein Auge zu und lese weiter, denn Herr Spitzer ist ja weder Psychologe noch Soziologe sonder „Hirnforscher“, bzw. „Elektriker“, wie andere Neurowissenschaftler das bezeichnen. „Fazit“: Erkenntnisgewinn gleich Null.

In dem Ton geht es im nächsten Abschnitt weiter: „Laptops und Smartboards im Klassenzimmer: die Wirklichkeit“. Langatmig wird ein Besuch in einer (ich nehme an) Grundschulklasse geschildert, in der Smartboards und Laptops im Unterricht eingesetzt werden. Wie üblich kleine Probleme mit der Technik und ein Beispiel aus dem Deutschunterricht, das zugegebenermaßen nicht gerade durch Phantasie durch die Entwickler der Lernsoftware besticht. Derlei zum Teil phantasielose bis verdummende Lernsoftware wird landauf landab auch in Sprachkursen für ImmigrantInnen eingesetzt. Schuld an der schlechten Qualität trägt aber nicht die Technologie, sonder den Schwarzen Peter sollten sich die Entwickler abholen. Gleiches gilt allerdings ebenso für schlechte Schulbücher und Lernhilfen, die Lernern fast keinen Spielraum lassen für eigene, lösungsorientierte Aktivierung der Hirnganglien. Vor allem deutsche Verlage überschwemmen den Schulbuch- und Lernsoftwaremarkt mit Hochglanzbebilderungen und Hinundherschiebereien ohne didaktisch und lernpsychologisch durchdachte herausfordernde Aufgabenstellungen. Ich füge aber hinzu, dass es phantastische „digitale Lernprogramme“ gibt, z.B. für Geografie, Geschichte, Physik, Biologie und Mathematik, von der Herr Spitzer keine Ahnung zu haben scheint. Es gibt ja auch schlechte und gute Zeitungen. Lieber Herr Spitzer, informieren Sie sich besser und schließen Sie nicht von einem „Fall“ auf alle Fälle!

Noch eine Anmerkung zu Herrn Spitzers Schulbesuch. Ich nehme an, er und sein Kollege haben ihren Besuch vorab angemeldet. Da hat er dann eine Klasse besucht, und der Lehrer (dieser hat angeblich die beiden „Forscher“ eingeladen) hat sich darauf vorbereitet, um den hohen Gästen den „state of the art“ modernen Unterrichtens vorzuführen: Eine Vorführstunde! Ich hätte mir sicherlich die Mühe gemacht und mir Zeit genommen, nachzufragen und zu beobachten, was die Lehrkraft und die Schüler und Schülerinnen während eines Tages und innerhalb einer Woche sonst noch miteinander machen, ob sie (noch) Schreihefte verwenden und so weiter. Aber Herr Spitzer wollte – mit vorgefasster Meinung – nur Laptops und Smartboards sehen.

Was hat Herr Spitzer zum Thema „Laptop in der Schule“ in diesem langen Abschnitt noch zu sagen? Nichts, was Irgendjemandes Wissen erweitern würde.

Nun aber kommt der Professor zur „Datenlage“. Er zitiert zunächst einen „Insider“, wonach fast alle Studien von der Computerindustrie „angestoßen und gefördert“ würden, und fügt gleich folgernd an, dass es keine Studien gäbe, die nachweisen würden, „dass Lernen allein durch die Einführung von Computern und Bildschirmen in Klassenzimmern effektiver wird.“ Hat ja auch niemand behauptet. Ein Küchenmesser allein macht noch keinen guten Koch und mit einem Küchenmesser kann man ja auch Gemüse schneiden oder im Streit jemanden bedrohen. (Ich entschuldige mich für den blöden Vergleich!) Es folgen gleich Hinweise auf mehrere Studien (von welcher Seite die gesponsert wurden scheint hier offensichtlich nicht relevant zu sein), die negative Auswirkungen auf Lernleistungen beweisen sollen. Noch mal: der Computer allein macht’s nicht aus! Aufschlussreicher wäre für mich, wenn in der Studie auch untersucht oder von Herrn Spitzer dargestellt worden wäre, welche Art von Lernsoftware in welcher Weise eingesetzt wurde.

Übrigens: Die Studie von Weglinsky (Anm. 15), die Herr Spitzer als Beweise für die Behauptung anführt, der Einsatz von Computern in der Schule führe zu schlechteren Leistungen, wurde an Studenten durchgeführt, führte nach Weglinsky allerdings zur Einsicht, dass Computer allein die Lernleistung nicht unbedingt verbessern würden, - es käme immer darauf an, wie diese im Unterricht eingesetzt werden. No na net!  Die Studie von Angrist & Lavy (Anm. 16) wurde vor 14 Jahren durchgeführt und führte ebenso zu differenzierteren Ergebnissen als Herr Spitzer angibt. Die Studie von Shapley et al. (Anm. 22) hat ebenfall wenig bis gar nichts mit den Behauptungen von Herrn Spitzer zu tun. Dank Internet, Google und Wikipedia kann Jedefrau und Jedermann diese nachlesen und muss nicht nach Amerika in eine Bibliothek pilgern.

Die Grafik auf Seite 85, bzw. die damit veranschaulichten Behauptungen sind überhaupt der Gipfel an unwissenschaftlicher Reduktion von Komplexität. Nach diesen müssten unsere Kinder und wir selbst schon längst völlig verblödet sein und an Demenz leiden.

Herrn Spitzers manipulativer Umgang mit der „Studien“-mäßig erhobenen „Datenlage“ setzt sich bis zum nächsten Abschnitt fort, und ein unkritischer Leser wird wohl von der Masse der „Daten“ breitgetreten sein und ein Nachfragen für unangebracht erachten. Ich erspare es mir, darauf näher einzugehen.  

Kapitel 4: Im Gehirn speichern oder auslagern in die Wolke?

„Fazit: Wer geistige Arbeit auf digitale Datenträger oder in die Wolke auslagert, hat […..] ein weiteres Problem.“

Das Lieblingsthema von Prof. Spitzer: Schrumpfung des Hirns durch mangelnde Beanspruchung. Ich will mein Hirn nicht weiter mit diesem Kapitel beanspruchen! Vielleicht kann mein Computer diese „geistige Arbeit“ für mich erledigen.

Kapitel 5: Soziale Netzwerke: Facebook statt face to face.

Ich nehme an, Herr Spitzer ist kein Mitglied der „Facebook Community“, braucht er auch nicht zu sein, denn Dank seiner virtuellen face to face Kommunikation mit seinen zahlreichen Fernsehzusehern und seinen Publikationen kann er darauf verzichten und muss sich nicht dem Cyber-Mobbing aussetzen. 

Was lernen wir aus diesem Kapitel? Ganz einfach: „Unser Gehirn ist zunächst und vor allem ein soziales Gehirn.“  Ich weiß zwar nicht, was er damit meint, aber ich könnte mir vorstellen, dass mein Gehirn sich mit dem Gehirn meiner Frau unterhält. Ob mein Gehirn dabei größer wird, ist mir ziemlich egal.

Ein wenig mehr Polemik meinerseits wird dem obligaten Lesespaßfaktor seines Buches auch nicht wirklich förderlich sein. Sei’s drum! Eines muss ich Herrn Spitzer zugutehalten: Seine endlosen Wiederholungen brennen sich so richtig ins Hirn ein und ich werde die Geschichte vom Hirnwachstum sicher nie mehr vergessen, außer ich säße zu oft und zu lange vor einem Bildschirm.

„Groß im Facebook, klein im Gehirn?“ Einsiedler und Einzelgänger, Eremiten oder alpine Schaf- und Kuhhirten haben ein kleines „soziales Hirn“, sie sind asozial, und das „soziale Hirn“ von Jesus ist geschrumpft, weil er ja einsam und allein vierzig Tage in der Wüste verbracht hat. Bei Fußballern und anderen Gruppensportlern wächst das „soziale Hirn“, weil „Das Gehirn wächst mit der Gruppe“. „Mangelnde Selbstkontrolle, Einsamkeit und Depression“, „emotionale Verwahrlosung, Schlaflosigkeit, Stress und Frust“ hat es vor der Erfindung und Verbreitung „digitaler Online-Netzwerke“ und Facebook nicht gegeben. Gottlob gibt es heutzutage noch Familien mit liebevollen Eltern, Geschwistern, Großeltern, Onkeln und Tanten, Kindergärten, Schulen und Sportvereine, wo die Heranwachsenden noch „soziale Kompetenz“ erlernen können. Da passt nach Prof. Spitzer die wahrlich weise Aussage einer New Yorker Neurowissenschaftlerin gut: „Wenn es darum geht, zu lernen, wie man mit Menschen umgeht, gibt es keinen Ersatz für den Umgang mit Menschen“.  Aber, so Herr Spitzer, „Junge Menschen wissen immer weniger, wo es langgeht, was sie leisten können und was sie wollen.“ Ich bestreite dies, zumindest was meine Kinder, Enkelkinder, Nichten und Neffen, meine vielen Schüler und Schülerinnen betrifft. „Die Schrumpfung unseres sozialen gesamten Gehirns“ wird Herr Spitzer hoffentlich nicht „empirisch wissenschaftliche“ nachweisen wollen, denn da müssten wir angesichts wissenschaftlicher „findings“ wirklich etwas tun gegen „Facebook & Co“. Das Aufkeimen des „Arabischen Frühlings“ wäre auch ohne „Facebook & Co“ möglich gewesen, oder etwa nicht? Die unzufriedenen Jugendlichen haben sich doch nur via Facebook & Co verabredet und haben dann „face to face“ demonstriert und gekämpft. Die Weltaufmerksamkeit dank Facebook & Co hat ja auch nicht wirklich was gebracht. Oder? Aber keine Angst, Herr Spitzer! Wie neueste „wissenschaftliche Forschungen“ ergeben haben, ist ein Quäntchen an sozialer Kompetenz vererbt, in den Genen schon angelegt. 

Eine von einigen Sozialwissenschaftlern  wie z.B. Niklas Luhmann oder Gregory Bateson aufgestellte Behauptung sollte ich noch anführen. Es geht um die Reduktion von Komplexität in sozialen, aber auch in psychischen und biologischen Systemen. Diese haben die Eigentümlichkeit an sich, dass sie permanent damit beschäftigt sind, zwischen Erstarrung in Strukturen einerseits und bis ins Chaos überbordender Komplexität andererseits eine Balance zu finden. Ohne Strukturen, Gerüste, Normen, Regeln, Gesetze, Vorschriften, Geboten, Verbote, also ohne innere Ordnung und vor-sichtige Abgrenzungen gegen das Außen, das Andere, gehen sie früher oder später zugrunde. Das nennt man Reduktion von Komplexität. Auch Wörter, Sätze, Zeichen, Grafiken und sind Reduktionen. Reduktion von Komplexität führt, wenn sie zu rigide aufgebaut wird, zum Tod durch Erstarren, wie diktatorische, totalitäre Systeme augenscheinlich zeigen und gezeigt haben. Trivial, aber ein brennendes Problem, wie die verzweifelten Rufe nach Strukturreformen in Krisenzeiten zeigen. Was ich aber im Zusammenhang mit dem angeblichen Verlust unserer digital verseuchten Jugend an sprachlicher Differenzierungsfähigkeit sagen möchte ist dies: Jedes System sucht sich - kreativ oder subversiv – Mittel und Wege, um den (erzwungenen) Verlust an Komplexität zu kompensieren. Auf Facebook, bei SMS und Email-Mitteilungen kann man ja keine Romane schreiben, auch in Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Publikationen in Magazinen ist man beschränkt auf kurzen Raum, also leidet die Differenziertheit der Argumentation und Darstellung von Sachverhalten. Weil aber der Bedarf an kommunikativer Differenzierung deshalb sich nicht in Nichts auflöst, suchen SMS und Facebook Nutzer nach Auswegen. Was machen die Jugendlichen? Sie laden die einzelnen Zeichen und Wörter durch Nuancierungen in der Abfolge und Kombination, Geheimzeichen etc. mit Bedeutungen auf, die aber nur „Insider“ zu entschlüsseln vermögen, oder verschieben den Differenzierungsbedarf nach außerhalb des digitalen Mediums. Die Frage ist also: Wozu und wann brauche ich Differenzierung, denn Differenziertheit bzw. Komplexität ist kein Wert an sich, es geht um mehr oder weniger, besser oder schlechter, leben oder sterben. Ich behaupte daher, dass die Komplexität der durch sprachliche Kommunikation gesteuerten zwischenmenschlichen Beziehungen in der Welt der heutigen Jugendlichen nicht ab sonder zunimmt, und diese sind „smart“ genug, Strategien zur Stillung ihrer kommunikativen Bedürfnisse zu erfinden. (Kompensation ist, wenn jemand seine beiden Arme nicht hat oder verloren hat und dann mit den Füßen essen, schreiben und Klavier spielen lernt.) Schauen Sie also mal genauer hin, Herr Professor Spitzer!  Und, entschuldigen Sie bitte meinen unprofessionellen Belehrungsversuch.

Anzumerken wäre noch: Soziale, biologische, psychische Systeme gelten als „komplex“, weil bei diesen Vieles mit Vielem so zusammenhängt, dass allein durch die Beobachtung und Untersuchung eines Teils oder einiger Elemente keine Erkenntnis über das Funktionieren des Ganzen gewonnen werden kann. Das hat schon Aristoteles gewusst.   

Kapitel 7: „Laptops im Kindergarten“ 

Ich überspringe Kapitel 6 und komme zu Herrn Spitzers Einsichten in den (früh-) kindlichen Spracherwerb. Kurz und bündig: „Bildschirme schaden der Bildung“ und dem „Spracherwerb“. Beweis: Die Anzahl der verbrachten Stunden vor dem Bildschirm hängt direkt mit der Bildungskarriere zusammen. Im Hintergrund mögen zwar soziale, finanzielle, psychische, veranlagungsmäßige und was immer für Faktoren eine gewissen Rolle spielen, aber diese zu untersuchen und Ratschläge zur Behebung von Mängeln bzw. Beseitigung von Missständen zu erteilen, ist nicht die Aufgabe eines „Hirnforschers“, davon hat er wenig Ahnung. Das trifft auch auf den Erwerb der Fähigkeit zu rechnen, zu sprechen, zu lesen und zu schreiben zu. Wenn ich Herrn Spitzer einen bescheidenen Rat geben dürfte, so würde ich ihm empfehlen, sich mal nach China und Japan zu begeben und sich den Schulunterricht und was rundherum sich noch so alles tut genauer anzuschauen, denn davon hat er meiner Erfahrung nach – obwohl er davon zur Untermauerung seiner Behauptungen berichtet – auch keine Ahnung. Es geht ihm um die messbare und auf dem Bildschirm darstellbare Größe des Gehirns. Meine unwissenschaftlichen Beobachtungen, z.B. auf meiner Homepage, werden ihm da auch nicht weiterhelfen, eher schon so eine Einleitungslektüre wie „Sprache und Denken“ von Lev Vygotsky.

Herr Spitzer untermauert seine These, dass das Schreiben von Wörtern, von Texten auf der Tastatur eines Computers statt des händischen Schreibens zu Defiziten in der Schreib- und Lesekompetenz von Jugendlichen führe, mit dem Hinweis auf eine Studie von Mangen & Velay (Anm. 26), die in seiner Literaturliste gar nicht aufscheint (wie auch der/die mit vier Anmerkungen bedachte Longcamp), wohl aber im Internet nachzulesen ist. Anne Mangen und Jean-Luc Velay beziehen sich in diesem Artikel mehrmals auf Aussagen Wilsons - Literaturangabe ist in dem Artikel keine zu finden und der Link funktioniert nicht - , wonach „The hand is as much at the core of human life as the brain itself. The hand is involved in human learning. What is there in our theories of education that respects the biologic principles governing cognitive processing in the brain and behavioral change in the individual? […] Could anything we have learned about the hand be used to improve the teaching of children?“ Ist das wirklich eine so neue Erkenntnis, die uns die Neurowissenschaften da liefern? Ich möchte aber schon noch anmerken, dass ich – zumindest in Österreich und auch in Japan keine Schule bis hin zur Universität kenne, in der nicht händisch geschrieben wird, und zwar hauptsächlich. Defizite in Schreiben und Lesen haben – und das ist „studienmäßig“ erwiesen – völlig andere Gründe.  

Kapitel 8: „Digitale Spiele: Schlechte Noten“

Ich beschließe meine Aufmerksamkeitsbekundung gegenüber Herrn Spitzers Bestseller mit diesem Kapitel, weil ich danach nicht wirklich was Neues zu erfahren finde. Es geht in diesem Kapitel um Verblödung, Verrohung, Vereinsamung und Abstumpfung durch Computerspiele.

Hintergrund der Argumentation ist das Bild von Jugendlichen, die stunden- und tagelang einsam und allein vor dem Bildschirm sitzen und auf irgendwelche menschliche oder nichtmenschliche Figuren, untermalt mit Höllenlärm, auf Teufel komm raus Ballern oder Einschlagen. In Kapitel 13, Seite 181/82 wird dazu ein Fall geschildert, in dem ein Jugendlicher, angeblich angeregt durch ein Brutalo-Spiel und unter Drogeneinfluss, einen Mord begeht. Der sei – so wird berichtet – schon seit längerer Zeit durch sein „unerwünschtes“, asoziales, gewaltbereites Verhalten aufgefallen. Der letztendliche Anst0ß, der Auslöser für seine grausliche Tat sei eben durch seine „Ballerspiel“-Sucht zu erklären.

Zwei Themen also: Spielsucht und negative Prägung des Sozialverhaltens durch Gewalt-Computerspiele.

Also: Pol Pot, Stalin, Hitler, die Nazi Schergen und viele andere Massenmörder und Selbstmordattentäter haben zu viel digitale Gewaltspiele gesehen. So einfach ist das. Spielsucht, ja, das ist ein uraltes Problem. Wie viele Spielsüchtige haben nicht schon im Kasino, beim Kartenspiel und Poker Haus und Hof verloren und dann gab es in ländlichen Regionen auch mal Messerstechereien, Mord und Totschlag. Ja, die Suchtgifte, wie Marihuana, Alkohol, Tabak, Internet und Computerspiele (und die abertausenden Patschinkohallen in Japan nicht zu vergessen) sind wirklich ein ernstes Problem!    

Warum Herr Spitzer die Ursachen für problematisches Sucht- und Gewaltverhalten so beflissen den digitalen Medien in die Schuhe zu schieben versucht und die Sache nicht einfach umdreht und auf die familiären, sozialen, etc. Hintergründe eingeht, ist eigentlich nur aus seinem Messianismus zu erklären. In einigen Passagen einiger Kapitel erwähnt er diese Hintergründe auch, aber eher beiläufig, denn er hat sich damit ja nicht auseinandergesetzt.

Dass die Sache umgekehrt betrachtet werden sollte, ist – behaupte ich – allgemein bekannt. Bei den familiären, sozialen, etc. Hintergründen anzupacken ist freilich ungeheuer viel schwieriger als Gesetze, „Jugendschutzgesetze“ zu erlassen, die Gewaltspiele, Waffen, Alkohol und andere Drogen verbieten. Dass Zugangsbeschränkungen und Verbote nicht nutzlos sind, wird auch niemand behaupten wollen, aber diese treffen nicht die Ursachen. Ich glaube zumindest in Europa sind wir uns einig, dass Pistolen, Schnaps, Crack und derlei gefährliche Dinge nicht in Kinderhände gehören, und wenn Eltern oder geldgierige Erwachsene ihnen dennoch solches in die Hände geben, werden sie bestraft.

Am Ende seines Buches gibt Herr Professor Spitzer dann noch ein paar Ratschläge, wie Kinder, Eltern und andere suchtgefährdete Leute der digitalen Bedrohung, der Verblödung und Verrohung entgehen können: „Ernähren Sie sich gesund!“ „Täglich eine halbe Stunde Bewegung“ „Helfen Sie anderen“ oder „Apropos Geld: Es macht weder glücklich noch gesund.“ Danke, Herr Professor! Die unteren, mittellosen, bildungsfernen Schichten werden es Ihnen auch danken!

 Zum „Aber“ hat sich Herr Spitzer in den folgenden Seiten schon vorher ausführlich zu Wort gemeldet, also setze ich hiermit meinen Schlusspunkt. Herr Spitzer hat mich nicht bekehrt, weil es da nichts zu bekehren gibt, und einen Zuwachs an „Geist“, Wissen und Hirngröße kann ich bis  dato auch nicht feststellen. Schade!

Ich nehme Herrn Spitzer beim Wort (obwohl ich kein Jugendlicher mehr bin), leiste seiner Ermahnung auf Seite 326 „Hören wir auf, sie [die Jugendlichen] systematisch zu vermüllen!“ folge, und werfe sein Buch unverzüglich in den Müll.